Das Jahr 2016 begann mit einem Paukenschlag: David Bowie, gerade noch seinen Geburtstag gefeiert und ein neues Album auf den Markt gebracht, erlag seinem bis dahin unbekannten Krebsleiden. Ein Schock für die Musikwelt und fassungslose Fans weltweit. Nichts war bis dahin nach außen gedrungen. Viele glaubten anfangs noch an Fakenews, diese Nachrichten, die sich über die schnellen Medien verbreiten und dabei als Scherz ausgelegt sind. Einer gibt was vor, andere folgen und schon ist die Nachricht im Umlauf. Leider bestätigte sich das hier nicht. Und das Jahr hatte noch viele dieser Nachrichten parat: Glenn Frey, Sänger der Band The Eagles und mit ihm seine Hits "You belong to the City" etc starb ebenso wie der große Prince.. Roger Cicero, viel zu jung und gerade mit einem neuen Album in den Charts. 2016 sollte zum Jahr der großen Künstlertode werden: Alan Rickman, unvergessen als Professor Snape in den Harry Potter Verfilmungen. George Michael - wieder eine Ikone. Bud Spencer und Zsa Zsa Gabor, erreichten zumindest ein hohes Alter. Trotzdem - man sprach sehr oft von dem Fluch des Jahres 2016.

Guido Westerwelle, gerade schien er sich erholt zu haben von seiner Krebserkrankung, doch das war ein Trugschluss. Genau wie die Moderatorin Miriam Pielhau, die ihren Kampf gegen den Krebs nie aufgegeben hat und dann für viele überraschend und plötzlich verstarb.

Carry Fisher und nur einen Tag später ihre Mutter Debbie Reynolds, Hollywood trägt Trauer. Oleg Popow, für viele war er DER Clown starb genauso wie Fidel Castro (den ich ehrlich gesagt schon gar nicht mehr unter den Lebenden gezählt habe), Leonhard Cohen, Musikgenie folgte Pete Burns, Sänger von Dead or Alive.

Tamme Hanken, der sympathische XXL Ostfriese starb genauso  plötzlich wie Muhammad Ali. Manfred Krug und Götz George, zwei große deutsche Schauspieler verließen die Bühne. Politiker wie Hans-Dietrich Genscher und die ehemalige First Lady Nancy Reagan starben - immerhin in hohem Alter. Peter Lustig - Herr Löwenzahn, der nicht nur mich, sondern auch meine Kinder mit seinen klugen Sendungen neugierig auf die Welt gemacht hat starb ,wie auch Roger Willemsen, in meinen Augen ein sehr kluger Autor und Gesprächspartner. Und wer immer noch nicht glauben wollte, dass es sich mit 2016 irgendwie seltsam verhält, der brauchte nur das Internet zu bemühen und die Vergleiche der Nachrufe zu sehen, dass 2016 tatsächlich als ein Todesjahr für Prominente in die Geschichte eingehen wird.

 

Bekannte und weniger bekannte Schauspieler, Musiker, Politiker, Sportler, Künstler sind gegangen. Manche nicht überraschend, bei einem fast 90jährigem ist damit zu rechnen. Manche gingen leise, erst spät erfolgte die Meldung an die Medien. Bei manchen kündigte sich der Tod an, etwa durch jahrelangen Kampf gegen Krebs oder ähnlichem.

 

Und es gab die Künstler, bei denen das Internet sich überschlug mit Trauer und Kondolenzen - wie etwa die Änderung des Titelbildes für Alan Rickman, der als Darsteller so viele Fans berührt hat. Oder auch David Bowie, der über Jahrzehnte mit seiner eigenen Art die Musikwelt maßgeblich beeinflusst hat. Prince reiht sich ein in die Reihe der ersten Musikstars wie Michael Jackson und Whitney Houston, ähnlich geheimnisvoll sein Tod wie schon bei Amy Winehouse und George Michael.

 

Auffällig war auch, wie die Menschen in den sozialen Medien reagieren: Große Künstler wie George Michael waren für zu viele eher bekannt durch genau einen Song; Last Christmas, den George Michael als Sänger der Gruppe Wham in den 80ern veröffentlichte. "One Hit Wonder" schrieb einer. Ein anderer wollte wissen, dass George Michael wohl irgendwann früher mal ein bisschen Musik gemacht hat. Das er weltweit Millionen von Platten verkauft und Konzerte gegeben hatte und Hits wie "Faith", "Careless Whisper" oder auch "Somebody to love" als Queen Cover rausgebracht hat, soweit denkt die Generation der DSDS und The Voice Fans gar nicht.

 

Und gerade bei so vielen haben diese Namen kaum noch Bedeutung. Wenn Filme und Serien von und mit austauschbaren Menschen produziert werden, man durch Sendungen wie "Goodbye Deutschland - die Auswanderer" nur als Teilnehmer zu einem Promi wird, wenn Möchtegernmusiker allein durch die Teilnahme an Castingshows schon eine Medienpräsenz erhalten, dann ist es kein Wunder, das wirkliche Künstler, mit Talent und Erfolg, irgendwo untergehen. Wenn es irgendwann nichts besonderes mehr ist, in einem Film mitzuspielen, weil die Dokusoaps einem suggerieren, das jeder talentfrei bekannt werden kann und wenn Gewinner von Castingshows wie Hollywoodstars behandelt werden, obwohl eher sie zu den One-Hit-Wonders gezählt werden dürfen, dann verlieren herausragende Künstler wie Prince oder Roger Cicero an Stellenwert.

 

Ratlosigkeit auch beim Tode von Politikern - das Netz zeigt sehr gut, wo die geistigen Mängel der Leser und Kommentatoren zu finden sind: sie posten ihr Nichtwissen mit einer Grandezza, das es schon sehr verwundert zu sehen, dass manche auch Stolz auf ihr Unwissen oder auch ihre Dummheit sind. Nun muss nicht jeder David Bowie kennen, aber Hans-Dietrich Genscher mit einem "Hä? Wersndas?" zu betiteln oder bekannte deutsche Filmstars wie Ruth Leuwerik oder den mehreren Generationen begeisternden Peter Lustig nicht mal ansatzweise zu kennen ist schon als ein kulturelles Blackout zu bezeichnen.

 

Wohin entwickeln wir uns also, oder sagen wird, die jetzige Generation und die folgenden? Bekannt ist schon, wer diverse Youtube Videos hochlädt und dort zeigt, wie man sich korrekt den Hintern abputzt oder Mascara aufträgt? Youtube Stars? Ich bin immer noch überrascht, wenn ich sehe, was für eine Fanbase diese Leute haben. Ja, es gibt durchaus sehr gute Videos dort - ich habe zum Beispiel mal "König Lear" in einer gespielten Lego Version gefunden. Herrlich amüsant erzählt und allein die Idee war schon sehr innovativ. Oder Erklärungen zu Musikstücken, wie man ein Fahrrad repariert oder Bildbearbeitung für Dummies. Ok. Aber von denen maßt sich auch niemand an, ein Star zu sein. Das sind eher diejenigen, die jeden Scheiss aus ihrem Alltag filmen, gern waghalsig oder grottendoof und das online stellen. Wer das guckt und liked, ich wage gar nicht zu schreiben, wie grenzdebil diese Gucker sein müssen. Kenn ich doch selbst so einige, die das gern sehen. Und mir erschließt sich der Sinn nicht.

Ich gehe immer noch gern ins Theater, wenn ich Schauspieler sehen möchte und schätze deren Kunst weitaus höher ein, als die gestellten völlig drehbuchlosen (haha) Geschichten aus den Dokusoaps Berlin, Köln oder Hinterfurzhausen. Hast Du mal drei Monate keine Abendserie geguckt, bist Du raus, weil fast alle Darsteller gewechselt oder sich innerhalb der Serien neu orientiert haben. Schauspieler werden dort zu Stars mit nur EINER Rolle. Auf ewig Hans Beimer aus der Lindenstraße, hat der mal was anderes gemacht? Auf ewig in Gute Zeiten, schlechte Zeiten und wie sie alle heißen.

 

Oder die Castingshows, bei der teilweise durchaus begabte Menschen auftreten und am Ende doch der gewinnt, der nie gearbeitet, geschweige denn die Schule beendet hat, dafür dreimal im Knast saß wegen Betruges und Rumgeklaue, dessen Lebensgeschichte vorab durch die Gazetten wandert und der am Ende die meisten Sympathiepunkte hat und gewinnt, bevor er nach einem Nummer eins Hit endgültig in der Versenkung verschwindet.

 

Gewundert hat mich auch die Anteilnahme an der Trennung des Castingshowtraumpaares Sarah und Pietro Lombardi. Für viele bekannter als zu wissen, wer gerade Bundespräsident oder Ministerpräsident des eigenen Bundeslandes ist ("Hä? Wasn Bundesland? Ist das wie Bayer Leverkusen oder was"). Ich habe mich eher gefragt, woher sie das Geld haben, sich Häuser und Autos zu leisten, verkaufen die außer ihrer medialen Dreckwäsche noch was anderes?

 

Und warum identifizieren sich so viele mit den meistens doch gestrandeten (gern auf Mallorca) ehemaligen Auswanderern der Sendung "Goodbye Deutschland"? Scheinbar flüchten alle diejenigen, die in Deutschland nichts auf den Kreis bekommen mit Hilfe von VOX auf die Urlaubsinsel in Spanien, um dort wieder nichts zu leisten, weil Arbeit und Sonne einfach nicht zusammenpassen, aber glücklicherweise gibt es dort genügend Discos und Cafés, wo man - wenn die Gäste  nur betrunken genug sind - so tun kann, als könnte man singen und so den Leuten ihre Urlaubseuros aus der Tasche ziehen. Merke: mit Null Talent sein Leben genießen, in Deutschland wäre das gar nicht möglich oder haben Sie mal was von "Goodbye Bayern, die Auswanderer auf Fehmarn" gehört? Und diese gestrandeten und teilweise wirklich offen dümmlich daherkommenden Menschen erreichen eine Popularität, da können manche Politiker nur von Träumen. Sie haben Fans, die sie und ihr Verhalten in den sozialen Foren bis aufs Blut verteidigen und die jeden geistigen Müll bereitwillig aufsaugen und so den Bekanntheitsgrad noch steigern.

 

Früher waren Berufswünsche noch Schauspieler und Musiker. Heute Dokosoap und Castingshow.

 

Und jetzt wissen Sie auch, warum für mich das Jahr 2016 auch so bewegend war, was die Nachrufe betrifft: da sind nämlich leider sehr viele von denen verstorben, die wirklich noch mit Können und Talent glänzen konnten, die Musik gemacht haben, die man auch noch in Jahrzehnten hören wird und die politisch und kulturell Dinge bewegt haben, die auch in Zukunft noch Bestand haben werden. Da sind Namen gegangen, die über Generationen bekannt waren und mit denen man viele schöne Erinnerungen verbindet. Für mich persönlich gehört zu Weihnachten das Traumschiff genauso dazu, wie Last Christmas, sobald ich die Wohnung schmücke. Und wie viele träumen bei der Musik der Eagles oder Prince, wer hat nicht ein Buch von Umberto Ecco gelesen oder erinnert sich an die Rede von Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft zur Öffnung der Grenzen? DAS sind Menschen gewesen, die wirklich etwas geleistet haben, die gelebt haben und die zurecht einen Nachruf verdienen.

 

Und davon sind in dem Arschlochjahr 2016 einfach zu viele gegangen.

 

Holen Sie ihre alten Wham Platten raus oder hören Sie sich Prince an. Vergessen Sie die Castingshows und den ganzen Billigmarktkulturmüll, den es derzeit gibt. Wenn ein Herr Barth den Leuten in Stadien zeigt, was er als witzig empfindet und gleichzeitig davon erzählt, wie wichtig es wäre, Theater zu schließen, weil wer geht da schon hin? Wir leben in einer Zeit, die nicht nur schnell, sondern auch vergesslich geworden ist. Wäre doch schade, wenn sich das auf Dauer durchsetzt.