Verfall der Werte




Heutzutage gibt es viele Singlemoms/Singledads und Patchworkfamilien. “Normale” Familien scheinen fast die Ausnahme zu sein. Sieht man mal einige Jahrzehnte zurück, zu der Zeit, als z. B. meine Mutter im heiratsfähigen Alter war, da war das kein Thema: es wurde geheiratet, besonders, wenn ein Kind unterwegs war. Da gabs kein “wer weiss, von wem es ist” oder dergleichen. Der Mann fühlte sich verpflichtet. Die Frau hatte die Sicherheit, nicht allein für das Kind sorgen zu müssen. Heutzutage muss sich eine schwangere Frau schon früh mit dem Gedanken vertraut machen, unter Umständen allein für das Kind sorgen. Der Mann fühlt sich in zu vielen Fällen weder verpflichtet noch zuständig. Es scheint keine Familie zu geben, die ihm das Gefühl für Anstand, Respekt vor dem Leben und ein Verantwortungsgefühl vermittelt hat. Denn viel zu oft drücken sich Väter vor ihrer moralischen und auch finanziellen Verantwortung.

Warum für etwas oder jemanden zahlen, wenn das doch die Allgemeinhat, der Staat tun kann? Nie wurde soviel Geld an Unterhalt ausgezahlt. Nie wurden so viele Anträge auf soziale Unterstützung gestellt und auch der Begriff “Kinderarmut” ist neu.

Denn es trifft in erster Linie sie – die Kinder.

Der Mann will nichts zu tun haben, mit der Frau, mit der er doch den Rest seines Lebens durch ein Kind verbunden ist. Er verweigert sich – und trifft doch das Kind damit.

Wie wächst ein Kind auf, mit dem Gefühl, ich bin nicht erwünscht? Mit dem Gefühl, wie soll ich damit umgehen?

Wird aus dem Kind, welches so aufwächst, wieder ein Vater, der sich vor der Verantwortung drückt, diesmal, weil er kein gutes männliches Vorbild hat? Weil sein eigener Vater ihm nichts anderes vermitteln konnte?

Wird aus so einem Kind eine Frau, die später die verlorene väterliche Zuneinung bei einem Partner sucht?

Wie soll sich eine Frau und Mutter fühlen, die in der sensibelsten Zeit der Schwangerschaft nicht genießen und sich freuen darf, sondern sich schon früh mit dem Gedanken herumschlagen muss, wie geht es weiter? Schaffe ich das? Geht das finanziell? Wer hilft mir? Wo bekomme ich Unterstützung?

Und das Gesetz hat scheinbar keine Mittel, um diese unwilligen Väter dazu zu bringen, sich ihrer Verantwortung zu stellen.

Warum gibt es nicht Sanktionen? Warum darf sich ein Mann vor der Aufgabe drücken? Sich weigern, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, um zumindest finanziell für das Kind zu sorgen, was ja schon wenig genug ist? Warum zwingt man sie nicht, absolut jeder Tätigkeit nachzukommen, auch, um den Staat finanziell zu entlasten?

Warum gibt es nicht die Auflage, dass sie so jemand regelmäßig kümmern muss?

Stattdessen macht man Gesetze, die den Vätern zwar Rechte geben, auf Umgang, auf gemeinsame Sorge, aber nicht die Verpflichtung zur Sorge, sich zu kümmern.

Wie viele Väter nutzen dieses Recht, um ihren Frust an der Mutter auszulassen. Wie viele Gerichtsverfahren gibt es, in denen sich Eltern – auch auf Kosten und zu Lasten des Kindes – streiten. Vordergründig ums Kind. Aber tatsächlich eher darum, wie man den anderen am besten verletzen kann.

Ich beziehe mich vorwiegend auf die Mütter. Weil ich in vielen Internetforen und Müttergruppen zu oft gelesen habe, wie sie sich durch ihren Alltag quälen. Wie es oft nicht reicht, das Geld, die Kraft, die Zeit. Vom Vater des Kindes im Stich gelassen, müssen sie versuchen, sich jobmäßig über Wasser zu halten. Und finde mal einen Job, wenn Du allein mit Kind bist. Den Arbeitgebern ist doch klar – ist etwas mit dem Kind, fällt die Frau aus, also schlechte Karten für ein Einstellungsgespräch. Natürlich würde sie auch gern zu Hause selbst für die Kinder sorgen, aber da das Geld nicht reicht, müssen die Kinder schon früh damit leben, von fremden Menschen in Krippen und Kindertagesstätten versorgt und erzogen zu werden. Die Zeit, in der sie wach sind, kümmern sich also fremde Menschen um sie. Während ihre Mütter irgendeiner Tätigkeit nachgehen und dann mit schlechtem Gewissen müde und abgekämpft das Kind abzuholen.

Wie viele Kinder dürfen sich nicht auskurieren bei Krankheit, weil die Mutter schnell wieder zurück in den Job muss.Wie viele Kinder erleben eine Kindheit zwischen Tagesstätte und Hort. Bleibt da Zeit für Liebe und Gefühle? Für einen familiären Halt? Wonach sehnen sich diese Kinder?

Wonach  sehnen sich die Frauen?

Manchmal erkennt man diese Kinder schon auf dem Schulhof. Da sind sie in einem Alter, in dem sie klar erkennen, dass es andere Familien gibt. Familien mit Vätern. Die die Kinder abholen. Die bei Festlichkeiten anwesend sind. Die Kinder erzählen davon. Sie gehen mit den Jungs wandern oder auf den Fussballplatz. Die Mädchen sind Papis Liebling. Die Mama hat zu Hause Verstärkung. Diese Kinder wachsen mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein auf. Da ist wenig zu spüren von der Angst, was ist, wenn die Mama weg ist, wenn die Mama ausfällt, krank wird oder sogar ins Krankenhaus muss.

Mein Sohn hat ein Jahr gebraucht, um seine Angst zu verarbeiten, als ich ins Krankenhaus musste. Noch heute klammert er sich an mich, wenn er hört, ich muss weg.

Für andere Kinder ist klar, es ist mindestens ein Elternteil da.

Warum erreicht das die Väter nicht?

Warum schafft es z. B. eine andere Frau, den Vater von seinem eigenen Kind fernzuhalten? Was geht in so einer Frau vor? Was bewegt einen Mann, sein Kind zu verleugnen, zu verdrängen, zu vergessen?

Zurück in die Zeit der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Als unsere Eltern und Großeltern Familien gegründet haben.

Warum hielten die Beziehungen so gut? War damals wirklich alles besser?

Mitnichten.

Das Verantwortungsgefühl wurde vorgelebt. Man hatte eine Verpflichtung. Aber es gab damals natürlich noch nicht die vielfältigen Möglichkeiten wie heute.

Kein Staat sprang ein für säumige Väter, da waren Familien gefragt. Verließ ein Mann die Familie, wurde er geächtet. Frauen, die sich an verheiratete Männer heranmachten galten als gesellschaftlich erledigt.

Es gab kein Internet und keine Handys. Fremdgehen wurde so sehr erschwert. Das Risiko erwischt zu werden war immens höher.

Und wenn es mal Probleme gab, dann war das Paar gezwungen, diese zu beseitigen und sich zumindest zu arrangieren. Es wurde noch MITeinander und nicht ÜBEReinander geredet. Heutzutage läuft viel Kommunikation über soziale Netzwerke, über Medien, Handy, Telefon, SMS. Niemand kann mehr geortet werden, du kannst Dich selbst erfinden im Internet, kannst Dir eine Parallelwelt schaffen. Wenn Dir etwas nicht gefällt, verlässt Du den anderen und findest etwas neues. Das Leben ist leicht und oberflächlich geworden, für denjenigen, der es will. Aber auch gefühlskalt und charakterlos.

Ein Menschenleben zählt nichts. Und die Seele eines Menschen schon mal gar nicht.

Die Leute verlernen miteiander zu kommunizieren. Wenn gesprochen wird, dann unbeherrscht. Oftmals verläuft ein Kontakt nur noch über Dritte, wie Anwälte und Behörden.

Ich sehe es als einen Verfall der Werte. Werte wie Verantwortungsgefühl, Respekt voreinander, der Verpflichtung von menschlichem Leben gegenüber, Liebe, Treue, Vernunft, Verständnis, Sorge, Umsicht, Freundlichkeit, das alles scheint untergegangen und getauscht gegen Oberflächlichkeit, Emotionslosigkeit, Egoismus, Egozentrik, Gleichgültigkeit, Distanz und Lügen.

In so einer Welt wachsen Kinder auf und man hofft und wünscht, dass sie andere Werte erlernen als die, mit denen sie aufwachsen müssen.

Was wäre, wenn es einen großen Knall geben würde und die Technik würde versagen. Wir hätten wieder Münztelefone, es gäbe kein Internet und keine Handys, kein Whatsapp oder Facebook, keine Singlebörsen und keinen Staat, der aufkommt für die, die nicht wollen. Es gäbe kein “warum ich”, sondern nur noch ein “ich trage die Verantwortung”. Nicht Gesetze können Eltern zwingen, gemeinsam zu sorgen. Gesetze können nur dazu beitragen, dass es keine Kinderarmut, keine gebeutelten Ein-Eltern-Familien mehr gibt. An der Stelle muss man ansetzen.

Da, wo der Mensch am ehesten zu treffen ist: an dem letzten Rest von Anstand und Moral.

Es gibt kein Ende zu dieser Geschichte, weil es kein Ende gibt, welches die Auflösung selbiger bringt. Es gibt nur einen Wunsch. Dass sich jeder vor Augen hält, wie es in den Schuhen des anderen ist. Manchmal hilft das, über den eigenen Schatten zu springen, die eigenen Animositäten zurückzunehmen und vom ICH wegzugehen.